Wissenschaftstage Tegernsee - Natur & Technik erleben und begreifen Zur Startseite der Wissenschaftstage Tegernsee Wissenschaftstage Tegernsee 2015 - Jahr des Lichts und Zukunftsstadt 14. - 15. November 2015

Essays

Großer Bergsteiger und Forscher: Max Planck

von Max von Laue

Viele stellen sich unter einem Gelehrten einen Stubenhocker, vielleicht gar einen Bücherwurm vor; und in der Tat gibt es unter den Wissenschaftlern diesen Typ. Aber es gibt unter ihnen auch ganz andere Naturen. Man braucht dabei durchaus nicht nur an Mineralogen, Geologen, Geographen oder gar Forschungsreisende zu denken, bei denen die Betätigung unter freiem Himmel zum Beruf gehört. Man findet sie in allen Fächern. Helmholtz z. B., der große Physiologe und Physiker, von dessen regelmäßigen Spaziergängen auf dem Heidelberger Philosophenwege wir wissen, betonte in der klassischen Tischrede bei seinem 70. Geburtstage die Notwendigkeit, der geistigen Anstrengung ein Gegengewicht durch maßvolle körperliche Bewegung zu geben; selten sei ihm eine gute Idee am Schreibtisch gekommen. Und ähnlich empfand auch Max Planck, der große, am 14. Oktober 1947 im 90. Lebensjahre verstorbene theoretische Physiker, der an die 50 Jahre an der Berliner Universität gelehrt hat, noch länger Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften war und als Vater der Quantentheorie Weltruhm genießt. Mit Helmholtz hatte er überhaupt viele Züge, z. B. auch die hohe musikalische Begabung, gemeinsam.

Ich kannte Planck von 1902 an, und in dieser Zeit, sicherlich aber schon lange vorher, bis in ein recht hohes Alter, besuchte er allwöchentlich seinen Turnabend. Schwerlich ließ er einen Tag verstreichen, ohne ein bis zwei Stunden spazieren zu gehen, sei es auch nur durch die Straßen von Berlin oder der Villenkolonie Grunewald, in der er ein Haus besaß. Versagten, wie nach 1919 oftmals, die öffentlichen Verkehrsmittel, so ging er die 1 ½ Stunden zur Universität oder Akademie und zurück zu Fuß. Er pflegte zu sagen, das einzige Gemeinsame aller Menschen, die ein hohes Alter erreichten, bestände in regelmäßiger ausgiebiger Bewegung im Freien; alles andere, wie z. B. Rauchen, sei von Person zu Person sehr verschieden. So nahm Planck sich z. B. einmal vor und führte es mit der ihm eigenen Konsequenz in drei aufeinanderfolgenden Pfingstferien durch, von seiner Wohnung bis an die Ostsee (das Ziel war, ich glaube, Heiligendamm) zu Fuß zu gehen; jedes Jahr legte er ein Drittel der Strecke zurück. Auch den Odenwald durchstreifte er viele Frühjahrsferien hindurch von seinem Standquartier in Amorbach aus. Er vermied stets die großen Straßen und benutzte, wo es irgend anging, kleine idyllische Feld- und Waldwege. Naturgenuss und Freude an der körperlichen Beanspruchung bildeten für ihn eine Einheit; wegen des Fehlens der letzteren lehnte er das Autofahren ganz ab.

Aber mehr als Tiefebene und Mittelgebirge liebte Planck die Alpen. 1867 kam sein Vater von der Universität Kiel an die Universität München und nahm schon den neunjährigen Sohn mit in die Berge. Später übte Max Planck an den Felsen des Plankensteins am Tegernsee das Klettern. Die Gipfel der Tegernseer und der Schlierseer Alpen hat er alle, die meisten oftmals bestiegen. Hätten wir noch sein zeitlebens sorgfältig geführtes Tagebuch, so ließe sich daraus eine lange Liste seiner Besteigungen entnehmen. Leider ist dieses mit seinem Berliner Hause ein Opfer der Flammen geworden. Auch seine zweite Gattin, die ihm jahrzehntelang eine treue und ebenbürtige Tourengenossin gewesen ist, und die über vieles Auskunft hätte geben können, weilt nicht mehr unter den Lebenden. Nur eine allgemeine Erinnerung und einen Bericht über die Touren der allerletzten Lebensjahre hat sie hinterlassen So sind wir hauptsächlich auf die Erinnerungen anderer Verwandter angewiesen, die ihn früher begleitet haben, und auf das wenige, was er gelegentlich einmal Kollegen gegenüber geäußert hat. Das war spärlich genug. Planck liebte es nicht, von eigenen Leistungen zu sprechen, weder von wissenschaftlichen noch anderen. Aus solchen Quellen übernehme ich die folgenden Ausführungen.

Schon im Winter freute sich Planck auf die Ferien und suchte nach dem Baedeker, manchmal auch nach Empfehlungen, die Sommerfrische für das nächste Jahr aus, möglichst in hochgelegenen einfachen Dörfern, in denen man schnell Kontakt mit der Bevölkerung bekommt. Oft zogen Planck und seine Frau 14 Tage lang mit dem Rucksack umher auf Höhenwegen, da und dort einen Gipfel mitnehmend. So lernten sie weite Gebiete der Alpen kennen, den Pinzgau, Lechtaler, Silvretta, das Rhätikon, Karwendel usw.; die Dolomitentäler mit St. Martino und Madonna di Campiglio waren ihnen wohlbekannt, erst recht die ganzen Bayerischen Alpen. Im allgemeinen liebte Planck Gletschertouren weniger als Felskletterei. Am liebsten ging er nach Karte und Kompass; fragen war verpönt. Nur zu schwierigen Touren nahm er Führer.

In den Kriegsjahren 1939 bis 1943 gingen Planck und Frau regelmäßig nach St. Jacob im Defereggental und bestiegen dort fast sämtliche das Tal umrahmende Gipfel. Das waren unschwierige, aber dem hohen Alter Plancks angepaßte Touren.

Von den Touren in früheren Jahren ist bekannt, daß er auf Zugspitze, Bettelwurf- und Birkkar-Spitze sowie dem Scharfreiter im Karwendel war. Im Chiemgau sind Hochgern, Hochfelln und Kampenwand zu nennen, bei Berchtesgaden Watzmann, Hoher Göll, Reiteralm. Der östlichste der von Planck bestiegenen Gipfel war wohl der Dachstein. Planck verschmähte keineswegs Paßübergänge und harmlose Berge wie das Kitzbühler Horn; die Hohe Salve und die Berge im Wald um Pinzgau. Auch die Allgäuer und Lechtaler Gegend war ihm mit Mädelegabel, Hochvogel und Parseierspitze wohlbekannt. Im Rhätikon war er auf dem höchsten Gipfel, der Scesaplana, in den Dolomiten auf Marmolata, der Kleinen Zinne, dem Heiligkreuz- und Paternkofel, sowie auf dem Monte Cristallo, auf letzterem zum zweiten Male mit 76 Jahren. Und als er mit 72 Jahren die Jungfrau bestieg, stellte er im Alter der Besteiger einen Rekord auf. Mit 79 Jahren war er auf dem Venediger, nachdem er andere Gipfel der Zentralalpen. wie Wiesbachhorm, Großglockner, Sonnblick, Olperer früher erstiegen hatte.

Aus dieser - nicht vollständigen - Liste sieht der Leser, daß Planck sich die Berge nicht nach ihrer Schwierigkeit aussuchte. Jeder alpine Ehrgeiz lag ihm fern; aber er scheute sich auch nicht vor schweren Touren. Die turnerische Gewandtheit und die unvergleichliche Gesundheit, die er sich über das 80. Jahr hinaus erhielt, gestatteten ihm. über Schwierigkeiten und Anstrengungen souverän hinwegzukommen. Mehr als einmal hatte er den Führer, wenn er einen genommen hatte, dadurch in Staunen gesetzt. Planck stieg sicher und langsam, aber stetig, ohne zu sprechen. Er liebte eine lange Gipfelrast mit gründlichem Umschauen und einer Zigarre. Im Essen, mehr noch im Trinken, war er auf Touren äußerst mäßig. Darauf hatte er zeitlebens trainiert. So brauchte sein Rucksack niemals schwer zu sein, und er hat es bis zur letzten Tour abgelehnt, ihn von einem Begleiter tragen zu lassen.

Dem DÖAV gehörte Planck seit 1878 an, so daß er 1928 von der Sektion Berlin das 50jährige Vereinsabzeichen bekam. Auch im Alpenverein sollte man ihm ein treues Gedenken bewahren. Was Planck an ihn kettete. war im Grunde dasselbe. was ihn auch an seine Wissenschaft band: eine tiefe, treue Liebe zur Natur.

Quelle: Der Bergsteiger Bd. 16 (1949), S. 225-226